Lieber Eigenwohl als “Gemeinwohl”
Abgelegt unter Politik am 30. Mai 2008 von Trafo[...] Der Appell an die Gemeinwohlorientierung der Menschen hat die großen Menschheitsverbrechen nicht von ungefähr begleitet. Vor diesem Hintergrund ist es doch einigermaßen überraschend, dass unsere heutigen Theoretiker des Guten, so wenig Misstrauen gegenüber dem Aufruf zur politischen Verfolgung „ethischer Ziele“ entwickeln. Der durchschnittliche theoretische Ethiker hat anscheinend ebensolche Schwierigkeiten wie jeder andere zu begreifen, dass die je eigenen Vorstellungen vom Gemeinwohl am Ende nicht das Gemeinwohl, sondern nur je eigene Vorstellungen vom allgemeinen Wohl definieren.
Die jeweils reklamierte Verankerung unserer partikularen Ideale in „der“ Ethik bietet eine schöne Projektionsfläche für eigene moralische und politische Wünsche. Diese kann man durch den Allgemeinheitsanspruch zu allgemein verbindlicher Ethik adeln. Weil man die eigene ethische Position für begründet hält, glaubt man dann nur zu leicht, andere Individuen guten Gewissens für eine Verletzung der moralischen Forderungen der je eigenen ethischen Theorie zur Verantwortung ziehen zu dürfen. Damit wird aber die Berufung auf Ethik zur allgemeinen Entschuldigung dafür, andere gegen deren Willen zu etwas zu zwingen. Freiwillige Unterwerfung im Namen der Loyalität gegenüber der Allgemeinheit wird erwartet.
Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass sich der Begriff der sozialen Gerechtigkeit so großer Beliebtheit erfreut. Denn wenn man etwas als ungerecht ausweisen kann, dann scheint viel dafür zu sprechen, dass darin eine Verletzung von Rechten liegt, die man als solche auch durch Anwendung von Zwang beheben darf. [...]
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