[...] Die Pflicht, einander zu helfen, wird zum Recht, Hilfe zu bekommen. Und das Recht wird zum Zwang zu helfen. Wer welcher Hilfe bedarf, ist nicht mehr offensichtlich. Dafür gibt es Experten und Gesetze.
Wer sich nicht mehr hilft, verliert bald auch die Fähigkeit dazu. Das System der organischen Solidarität verbietet geradezu Entscheidungen und Handeln. Es untersagt die Selbstorganisation. Der Preis für diese scheinbare Sicherheit, die Gebühr für das Recht auf Hilfe heißt Abhängigkeit. Und manchmal kann es noch teurer werden. Dann wird die falsch verstandene Solidarität zur tödlichen Falle.
Als im Sommer der Hurrikan Katrina die Region New Orleans verwüstete, zeigten die Fernsehbilder rund um die Uhr die Menschen, die von der Katastrophe besonders betroffen waren: die sozialen Unterschichten, meist Schwarze, die nicht mehr rechtzeitig aus dem Katastrophengebiet flüchten konnten. Schnell galt es weltweit als ausgemacht, dass wieder einmal die Ärmsten der Armen ihrem Schicksal überlassen worden wären.
Der Psychiater Gerald Mackenthun, der die Tage von New Orleans analysierte, kann darüber nur den Kopf schütteln: „Allein der Vorwurf, dass Hilfe zu spät kam, ist angesichts des Ausmaßes einer solchen Katastrophe absurd. Da sind zunächst einmal alle hilflos – und Hurrikane arbeiten ohne Ansehen von Rasse und Religion.“ Man sollte, meint Mackenthun, schon eher die Frage stellen, weshalb sich zum Zeitpunkt des Gewaltsturms so viele Menschen – und vor allem eben Sozialhilfe-Empfänger – überhaupt noch in diesem Gebiet aufgehalten hätten. An mangelnden Fahrgelegenheiten kann es nicht gelegen haben – nahezu jeder der Betroffenen verfügte über ein Auto oder hätte sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Sicherheit bringen können. Während die Upperclass und die Mittelschicht sich zügig aus dem Staub gemacht hatten, blieben diese Menschen in ihren instabilen Häusern. Und die meisten von ihnen saßen dabei vor dem Fernseher, aus dem ununterbrochen die Aufforderung zu hören war, die Stadt zu verlassen.
Es war, glaubt Mackenthun, etwas anderes, was diese Menschen nicht handeln ließ: „Sie wurden zu Hilfsbedürftigen erzogen. Niemand hat jemals von ihnen verlangt, dass sie sich selbst organisieren, dass sie auch nur, wie das andere tun, auf Warnungen der Behörden und der Medien eingehen.“
Auch das geschah in New Orleans im Sommer des Jahres 2005: Aus falscher Hilfe wird Entmündigung. Hilflos ist, wer nicht mehr über sein Leben entscheiden kann. Das ist, egal ob im Hurrikan oder im Sozialstaat der Überkümmerer, das Ende. [...]
Das nun ist die echte Hilfe: die Kooperation. Ihre Formel lautet: Wer anderen hilft, hilft sich selbst. Helfen ist gut, weil es was bringt. Nichts ist eigennütziger. [...]
Wirtschaft ist pure Kooperation.
Praktisch nichts von dem, was wir erfinden, erdenken und produzieren, wäre zu etwas nütze, gäbe es nicht welche, die dieser Produkte und Ideen bedürfen. Weder Handel noch Märkte sind ohne Kooperation vorstellbar. So stiftet der Eigennutz durch Kooperation ständig Nutzen für andere. [...]