Islamdiskurs
Abgelegt unter Politik am 29. Juli 2005 von TrafoDurch die Freunde der offenen Gesellschaft bin ich auf ein interessantes Buch gestossen. Primär geht es um Freiheit und Demokratie, ein Kapitel setzt sich jedoch explizit mit dem Islam auseinander. Zum Glück gibt es bei Amazon einen Auszug:
[...] Die in Kulturklischees befangenen Orientforscher der ersten Stunde wurden von einer neuen Generation politisch korrekter Akademiker abgelöst, die sich nicht einmal mehr zu fragen trauen, warum in den arabischen Ländern ein so ungesundes soziales und politisches Klima herrscht. Auf Selbstkritik aus der Region wartet man ebenfalls vergebens. Arabischen Autoren liegt offenbar mehr daran, ehrenrührige Behauptungen längst verstorbener Orientalisten zu widerlegen, als dem Elend der arabischen Welt auf den Grund zu gehen.
Unmöglich, die Fakten zu leugnen: Während in 63 Prozent aller Länder gewählt wird, trifft dies auf keinen einzigen der 22 Mitgliedstaaten der Arabischen Liga zu. Auch wenn sich einige Regime (Jordanien, Marokko) liberaler geben als andere, sind die meisten erzreaktionär. Die jüngere Geschichte der Region ist ein einziges Trauerspiel. Wie oft sah man in den letzten fünfzig Jahren die Völker des Nahen Ostens ihren Diktatoren zujubeln, als seien sie von Gott gesandte Retter? Ob Gamal Abdel Nasser, Muammar Gaddafi oder Saddam Hussein – sie alle erfreuten sich der aufrichtigen Anbetung durch die Massen. Die wenigen aus der Region stammenden Kulturwissenschaftler verweisen auf das streng hierarchische Gefüge der arabischen Gesellschaft. So schreibt der gebürtige Ägypter Bahgat Korany, der politische Diskurs der Araber sei „gespickt mit Anspielungen auf den aufgeklärten Diktator, den heroischen Führer, den begnadeten Zaim, den ehrwürdigen Patriarchen.“6 Nach Ansicht des Libanesen Halim Barakat übertragen sich die paternalistischen Strukturen und Wertmaßstäbe der Familie auf das Arbeitsleben, die Schule sowie die religiösen, politischen und sozialen Vereine. Überall gebietet eine Vaterfigur über ihr Gefolge, entscheidet allein, verlangt unbedingten Gehorsam, duldet kein Widerwort. Als Abbilder väterlicher Gewalt stehen Verantwortungsträger wie Fürsten, Politiker, Lehrer, Arbeitgeber und Vorgesetzte an der Spitze der Autoritätspyramide. Wer eine solche Position einmal erreicht hat, kann nur von einem noch größeren Patriarchen vom Sockel gestoßen werden. [...]
Große Gefühle, starke Männer, eiserne Patriarchen: Der progressive Westmensch mag darüber den Kopf schütteln, muß aber zur Kenntnis nehmen, daß es sich dabei keineswegs um Alleinstellungsmerkmale des Morgenlandes handelt. So gnadenlos, wie sie die arabische Kultur verrissen, zogen britische Kolonialoffiziere auch über Chinesen, Japaner, Inder und sonstige „Orientalen“ beziehungsweise „Asiaten“ her. Gleichermaßen bewunderte wie verschriene Autokraten herrschten bis vor kurzem in den meisten Ländern Asiens und Afrikas – man denke an Achmed Sukarno (Indonesien), Julius Nyerere (Tansania), Juan Peron (Argentinien) oder Josip Tito (Jugoslawien). Selbst in der Geschichte des Westens braucht man nicht allzuweit zurückzublättern, um auf Diktatoren zu stoßen, die ungeachtet ihrer Gefährlichkeit von den Massen angehimmelt wurden: Franco, Salazar, Mussolini, Hitler. Der Okzident gibt sich zwar seit einigen Hundert Jahren insgesamt fortschrittlicher und liberaler als der Orient, steht aber seinerseits in einer Jahrtausende alten patriarchalen Tradition. Es ist noch gar nicht so lange her, daß im christlichen Abendland die Frau als Eigentum des Mannes galt. Doch während sich der Westen weiterentwickelte und ein Großteil der übrigen Welt spätestens seit fünfzig Jahren gleichfalls auf Modernisierung setzt, bleiben die Araber in primitiven politischen und gesellschaftlichen Strukturen befangen. Die arabische Politik ist kein Kulturspezifikum; sie hängt lediglich in einer Zeitschleife fest.
[...] in einer Studie für die Monatszeitschrift Atlantic schreibt der Intellektuelle Ischak Husseni 1956 sogar: „Der Islam bewegt sich in eine ähnliche Richtung wie die abendländischen Religionen mit ihrer Trennung von Staat und Kirche.“ So gewagt sich diese These heute anhört, so sehr entsprach sie der damaligen Überzeugung. Seither ging es mit den arabischen Ländern immer weiter bergab. Wenn wir die Ursachen dieser Krise begreifen wollen, brauchen wir also nicht die vergangenen fünfhundert Jahre zu durchforsten, sondern können uns auf die letzten fünfzig konzentrieren. [...]
Fazit: lesenswert!

